Die vier Sichtbetonklassen

Der Deutsche Beton- und Bautechnik-Verein definiert im DBV/VDZ-Merkblatt Sichtbeton vier Klassen, von SB 1 bis SB 4. Diese Definition liegt den meisten Ausschreibungen in Deutschland zugrunde. Was die Klassen regeln, ist schnell erklärt. Interessanter ist, was sie nicht regeln.

Aufbau der Klassen

Jede Klasse bündelt Anforderungen an Einzelkriterien: Textur, Porigkeit, Farbtongleichmäßigkeit, Ebenheit sowie Arbeits- und Schalhautfugen. Dazu kommen Empfehlungen zur Schalhautklasse und zu Erprobungsflächen. Für die Einzelkriterien gibt das Merkblatt Tabellen mit messbaren Größen vor. Ein Beispiel: Die Porigkeit wird über Poren von 2 bis 15 mm Durchmesser auf einer Prüffläche von 50 mal 50 cm erfasst, deren Summe je nach Klasse begrenzt ist, etwa auf rund 2.250 mm². Je höher die Klasse, desto enger die Toleranzen und desto größer der Aufwand in Planung, Schalung und Ausführung. Welche Klasse gilt, wird im Leistungsverzeichnis festgelegt, nicht auf der Baustelle.

SB 1 bis SB 4 im Überblick

SB 1: geringe Anforderungen

Für Flächen, an deren Erscheinungsbild geringe Anforderungen gestellt werden. Das Merkblatt nennt als Beispiel Kellerwände und Bereiche mit überwiegend gewerblicher Nutzung. Poren, Wolken und Farbtonunterschiede werden in weitem Rahmen akzeptiert.

Beispiel
Kellerwände, untergeordnete Bereiche
Toleranzen
Weit
Erprobung
Freigestellt

SB 2: normale Anforderungen

Der Standard für viele Alltagsflächen: Treppenhäuser, Tiefgaragen, Stützwände. Das Bild soll ordentlich sein, ohne repräsentativen Anspruch. Wolkigkeit ist erlaubt, Lunker bis etwa 15 mm und Versätze bis etwa 10 mm werden toleriert.

Beispiel
Tiefgaragen, Treppenhäuser, Stützwände
Lunker
bis ca. 15 mm
Versatz
bis ca. 10 mm
Farbton
Wolkigkeit erlaubt
Erprobung
Empfohlen

SB 3: besondere Anforderungen

Ab hier wird Sichtbeton zum Gestaltungselement: Fassaden und anspruchsvolle Innenräume. Die Toleranzen ziehen deutlich an, mit Lunkern bis etwa 10 mm, Versätzen bis etwa 5 mm und nur noch geringer Wolkigkeit. Eine Erprobungsfläche wird dringend empfohlen: An ihr wird vorab festgelegt, wie das Ergebnis auszusehen hat.

Beispiel
Fassaden, gestaltete Innenräume
Lunker
bis ca. 10 mm
Versatz
bis ca. 5 mm
Farbton
Geringe Wolkigkeit
Erprobung
Dringend empfohlen

SB 4: höchste Anforderungen

Die Klasse für Bauteile mit besonderer gestalterischer Bedeutung. Lunker über 5 mm und Versätze über 3 mm sind nicht mehr akzeptiert, die Fläche soll nahezu wolkenfrei sein. Erprobungsflächen sind erforderlich, in der Praxis meist mehrfach. SB 4 verlangt von allen Beteiligten die größte Sorgfalt, von der Schalungsplanung bis zur Nachbehandlung.

Beispiel
Repräsentationsbau
Lunker
bis ca. 5 mm
Versatz
bis ca. 3 mm
Farbton
Nahezu wolkenfrei
Erprobung
Erforderlich, meist mehrfach

Klartext: Was die Klassen können und was nicht

Erstens: Abgenommen wird der Gesamteindruck. Das Merkblatt ist hier eindeutig: Das grundlegende Abnahmekriterium ist nicht die Tabelle, sondern der Gesamteindruck der Fläche, beurteilt aus üblichem Betrachtungsabstand und unter üblichen Lichtverhältnissen. Die Einzelkriterien werden erst geprüft, wenn der Gesamteindruck nicht überzeugt, und selbst ein verfehltes Einzelkriterium ist nur dann ein Mangel, wenn es die Gesamtwirkung stört. Der Gesamteindruck ist damit ein Urteil, kein Messwert. Genau deshalb helfen wir dabei, dieses Maß früh und gemeinsam zu definieren: über Erprobungs- und Referenzflächen, auf Anfrage mit Fachstellungnahmen zur Einordnung strittiger Flächen.

Zweitens: Beton ist nicht vollständig steuerbar. Das Merkblatt erklärt jedes Bauteil zum Unikat und stellt fest, dass die Oberfläche nicht toleranzfrei reproduzierbar ist. Ein Bild dazu: Liegt die Gesteinskörnung im Werk an einem Tag in der Sonne und am nächsten im Schatten, ändert sich ihr Feuchtegehalt, und mit ihm der Farbton der fertigen Fläche. Selbst bei höchstem Aufwand lassen sich solche Abweichungen nicht ausschließen, auch das sagt der DBV selbst. Die ausgeschriebene Klasse entsteht am Ende an der Fläche, nicht im Leistungsverzeichnis. Genau dort arbeiten wir.

Drittens: Die Klasse regelt Anforderungen, keine Ästhetik. Die Beispiele im Merkblatt sind Beispiele, keine Bestimmungen. Was der DBV als Kellerwand einordnet, kann ein Architekt als Signatur im Foyer verstehen: Ein raues, expressives Betonbild mit sichtbaren Spuren der Herstellung kann exakt die Vision des Entwurfs sein. Am Ende geht es darum, die Oberfläche als Gestaltungspotential zu begreifen und die Klassen als Richtwerte zu lesen, nicht als starre Definitionen. Denn die gibt es eben nicht. Die Systematik dahinter kennen wir genau, einschließlich ihrer Lücken und der Missverständnisse, die sich um sie ranken.

Früh planen statt spät streiten

Die praktischen Empfehlungen des DBV-Sachstandsberichts Sichtbetonkosmetik decken sich mit unserer Erfahrung. Erstens: den Fachbetrieb früh einbeziehen, bei anspruchsvollen Bauteilen bereits in der Kalkulation des Rohbauers. Zweitens: die Ausführung so spät wie möglich legen, ans Ende der Rohbauphase, wenn die Flächen ausgetrocknet und gereift sind. Drittens: Auffälligkeiten systematisch erfassen, Maßnahmen an Erprobungsflächen prüfen und die Zielqualität an Referenzflächen festhalten, bevor großflächig gearbeitet wird.

Und wenn eine Fläche die vereinbarte Klasse verfehlt? Rück- und Neubau ist wirtschaftlich wie terminlich fast nie die Antwort, die Korrektur an der Fläche ist es in den meisten Fällen. Wie das aussieht, zeigen unsere drei Schritte: Reinigung, Reprofilierungen und Retusche, Lasur und Schutz.

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